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  OMH-Heiligenbeil/Ostpr.
 

Die Ostdeutsche Maschinenfabrik vorm. Rudolf Wermke AG Heiligenbeil

 




Eine große Industrielandschaft ist Ostpreußen nie gewesen. In der Provinz bekanntlich geprägt von Land- und Forstwirtschaft, stellten sich ganz andere Bedürfnisse, als in den Industrieregionen des Reiches. Dieses erkannte der 1842 geborene Rudolf Otto Heinrich Wermke, der erst tätig im elterlichen Schmiedebetrieb, sich nach dem Tod seines Vaters mit seinem Bruder selbständig machte. Einige Zeit später soll er sich dem erzählen nach mit seinem Bruder überworfen haben und erwirbt in der Nähe des Heiligenbeiler Bahnhofes ein Grundstück worauf er eine Schmiedewerkstatt mit 2 Feuern und Wohnung errichtete. Mit der Betriebsaufnahme am 01. Dezember 1870 war der Grundstein für die später bedeutendste Landmaschinenfabrik Ostpreußens gelegt. Wermke beschäftigte sich hauptsächlich mit der Herstellung und Weiterentwicklung von Pflügen. Über Jahrhunderte hinweg arbeitete der Bauer mit der so genannten Zoche aus Holz mit einer eisernen Schar zum aufreißen des Ackers. Diese wurde bereits in England ab etwa 1730 durch eine eisenbeschlagene Streichschar ersetzt, die auch das Erdreich wendete. Erst über hundert Jahre später kam diese Entwicklung auch nach Deutschland und konnte sich durch die beginnende Industrialisierung immer mehr verbreiten. Die Geschäfte bei Wermke gehen gut, der Umsatz steigt und 10 Jahre nach Betriebseröffnung wird der Entschluss gefasst sich zu vergrößern. 1882 wurde die erste Fabrikhalle mit weiteren Schmiedefeuern und einem für die damalige Zeit gewaltigen Dampfhammer fertig gestellt.  Das Fertigungsangebot wird um Drillmaschinen, Eggen, Grubber, Krümmer und Walzen erweitert. Alle produzierten Geräte sind eigene Konstruktionen. Aufbauend auf diesem, man kann sagen Grundangebot,  kommen später Düngerstreuer, Pferderechen, Heuwender, Häcksler, Rübenschneider u. ä. noch hinzu. Die Firma floriert und Rudolf Wermke, der schon längst keine Handwerkerkleidung mehr trägt, plant die permanente Erweiterung seiner Fabrik. Aber es gibt auch einiges an Schwierigkeiten zu bewältigen. Aufgrund der geographischen Lage ist es ein besonderes Problem an geeignetes Fachpersonal zu kommen. Bereits der „Königlich preußische Gewerberath“  analysierte damals, dass es an kleinen preiswerten Wohnungen mangelt, um an tüchtige Arbeitskräfte zu kommen. 1892 werden im Auftrag von Wermke an der Rosenberger Chaussee Arbeiterwohnungen, die so genannten „ Fabrikhäuser“ fertig gestellt. Er baut kurz vor seinem Tod 1896 noch ein Beamtenhaus für die leitenden Angestellten und für die Kaiserliche Post deren Sitz bis 1945 dort verbleiben wird. Nach dem Tod Rudolf Wermkes kommt es in der Führung zu einigen Turbulenzen. Erwähnenswert sei hier der Einstieg als Vorstandvorsitzenden und technischen Leiter Franz Komnick  bis 1898, der sich danach als Automobilfabrikant in Elbing einen Namen machen wird. Am 01. Januar 1903 übernimmt Frederick Bartels die Geschicke der Firma und bleibt über die ganzen schweren Zeiten drei Jahrzehnte im Amt. Wesentliche Erweiterungen, oder besser Meilensteine in der Fabrikgeschichte werden unter seiner Führung kurzfristig in Angriff genommen:

 

1903        Erweiterung der Montagehalle auf 1.000 qm.

1904        Neubau einer Schlosserei

1905        Gründung der Niederlassung Tilsit

1906        Gründliche Modernisierung der gesamten Anlage. Neubau der Verwaltung, Errichtung eines zweigeschossigen  Gebäudes für  Schlosserei und Lager, Neubau eines Maschinenhauses mit einer 200 PS Dampfmaschine, die einen Drehstromgenerator antreibt.

 

Nach dem ersten Weltkrieg gestaltet sich durch den Versailler Vertrag und dem daraus entstandenen Korridor die Versorgungslage spürbar schwierig, auch trotz des nur 3 km entfernten Hafens Rosenberg. Zwar besitzt Ostpreußen reichliche Holzvorkommen, aber die Grundstoffe der Maschinenproduktion sind nun mal Kohle und Stahl. Die Kohle bezieht man aus Obersschlesien und den Siemens-Martin.Stahl aus dem Ruhrgebiet. Die Insellage Ostpreußens spiegelt sich auch auf dem Absatzmarkt wieder, doch man kann diesen durch gesteigerte Exporte auffangen. In Russland tut sich in den zwanziger Jahren ein immer größer werdender Markt auf. In Rumänien, Ungarn, Italien, sogar Südafrika und Südamerika war das Markenzeichen der OMH berühmt und begehrt.

 

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten werden Schritt für Schritt Posten  durch Parteigenossen mit meist fraglicher fachlicher Kompetenz ersetzt und es brechen für den stets konservativen Frederick Bartels schwere Zeiten an, bis er im Oktober 1935 ausscheidet. Als Nachfolger wurde vom Aufsichtsrat  Hugo Heßmer aus Stralsund bestimmt. Da Heßmer auch kein Parteimitglied war, waren politische Spannungen schon vorauszusehen und trotzdem führte er die Fabrik bis zum Ende.

 

Das Lieferprogramm hat sich im Vergleich zu den Zwanziger Jahren  in den Dreißigern nicht wesentlich verändert. Lediglich 1943 fand auf  Anordnung aus Berlin eine Straffung der Landmaschinen-Produktion im gesamten Reich zur Steigerung der Rüstungskapazitäten statt. Die Produktion von Grubbern, Scheibeneggen und Dreschmaschinen mussten daher eingestellt werden. Die letzte Bilanz wurde für 1943 erstellt und laut einer Beschäftigungsmeldung von 1944 zählte die Belegschaft 259 Beschäftigte, davon 122 Fremdarbeiter. Kurz vor dem 75 jährigen Firmenjubiläum wurde am 20. Januar 1945 der Betrieb endgültig eingestellt. Doch dachte man an ein Weitergehen, denn die wichtigsten Maschinen wurden demontiert und bombensicher in den Kellern der Fabrik verstaut. Am 10. Februar flüchten jedoch auch Hugo Heßmer und seine Frau übers Eis nach Pillau.

 

Nach dem Krieg gibt es reichliche Versuche einen Weiterbetrieb zu organisieren, da die Gesellschaft wirtschaftlich kerngesund war. Hier kommt wieder Bartels ins Spiel, welcher sich bemühte in der britischen Zone eine Lizenz zum Bau von Landmaschinen zu bekommen und man versuchte auch 1949 die OMH in Glückstadt wiederzueröffnen. Letztendlich kam nirgends ein Ergebnis zustande. Mit einem Urteil vom  Verwaltungsgericht Schleswig vom 31.10.1978 über die Entschädigungsansprüche im Lastenausgleichsverfahren von 1971 endet endgültig die Geschichte der OMH.


 

(Fotos und Quelle: Gerhard Riedel  „Die Ostdeutsche Maschinefabrik in Heiligenbeil“, Rautenberg Verlag 1985, mit freundlicher Genehmigung des Autors)

copyright Boris Staschko, Willich September 2005

 
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