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  ESPAGIT AG - Hallschlag/Eifel
 

Das Werk

Das Werk der ESPAGIT (Eifler Sprengstoffwerke AG, Dr. Ing. Friedrich Esser) von 600 Morgen Sicherheitszone und 25 Hektar Fabrikfläche lag auf einem Bergrücken etwa 620 Meter hoch auf der Wasserscheide zwischen Kyll und Our, etwa 2 Kilometer von Ortschaften entfernt.

Werkstätten, Materiallager und Sozialgebäude waren innerhalb kürzester Zeit in massiver Stein- oder Holzbauweise erstellt.

Dem Werk angegliedert waren Wohnbaracken, wo die teilweise rund 500 weiblichen Arbeitskräfte untergebracht waren, meist zwangsweise arbeitsverpflichtete Personen ("Russenbaracke"). Andere Frauen, wie auch die rund 1500 Männer, wohnten in umliegenden Dörfern.(2 bis 3 Mark Schlafgeld pro Woche).

Handwerker wurden z.B. auch trotz Protesten der Werksleitung von der heutigen DEMAG aus Jünkerath abgeworben.

Das Werk hatte selbst Handwerksbetriebe aller Art, Dampfheizung und eine eigene Stromversorgung für Beleuchtung und Motoren.

Gesundheitsschädlich waren vor allem Arbeiten beim Wickeln von Rauchentwicklern, dem Fertigen von Zündern mit Pikrin und der TNT-Säurebetrieb.

Die gesundheitlichen Aspekte führten (laut einem zeitgenössischen Bericht) in der "Bizol"-Abteilung zu einer sechsstündigen Arbeitszeit, wobei streng darauf geachtet wurde, daß alle einen Respirator (Atemschutz) trugen. Milch und fetter Speck waren tägliche Sonderrationen.

Bei in der Pikrinabteilung beschäftigten Frauen wurden Hautausschläge, Unwohlsein und Magenschwellungen festgestellt, und angeraten, den zur gelben Hautverfärbung führenden Staub abzuwaschen. Nach damaligen Verhältnissen waren die sanitären Bedingungen/Waschgelegenheiten akzeptabel. Selbst eine Badeanstalt war in der Abteilung.

Mehrere promovierte Chemiker arbeiteten in dem angegliederten Labor.

Ein eigenes Casino, das Gasthaus "Marfante", wurde an der Straße nach Scheid erbaut. Gaststätten in Hallschlag und Kehr hatten Konjunktur. Vor den Sicherheitsumzäunungen boten fliegende und feste Händler ihre Waren an.

Ein Produktionszwischenfall

Im Jahre 1917 kam es zum ersten schweren Fischsterben in dem Fluß Kyll bis auf die Höhe von Gönnersdorf (über 20 Flußkilometer), das zur Planung einer letztlich nie gebauten Kläranlage führen sollte.

Augenzeugen berichten von rot eingefärbtem Wasser, welches Menschen und selbst Kühe krank machte. (Krankheitsbild der Blausucht = Cyanose)

Aus diesem Grunde sind in der Folgezeit bei dem voll kanalisierten Gelände mutmaßlich Schluckbrunnen angelegt worden. Bekannt ist die großflächige Verrieselung der (krebserregenden und erbgutverändernden) TNT-Abwässer auf den südlichen Hängen, die damals oberflächlich "rost-rot" gefärbt waren.

Der Wasserverbrauch (ca. 500 Kubikmeter täglich) wurde durch eine heute noch erhaltene und bis vor wenigen Jahren genutzte, Fernleitung aus der "Schneifel" (Schnee-Eifel bei Mooshaus) gedeckt und durch eine zusätzliche Talsperre Brauchwasser vorrätig gehalten.

Im Nitrierwerk und der Säureabteilung wurde Zumindestens TNT (Trinitrotoluol = Sicherheitssprengstoff) aus Grundstoffen hergestellt.

Fertig- oder Halbfertigprodukte wurden mit der Bahn angeliefert und montiert, bzw. in Sprengstoff vergossen.

Die Länge der Sprengstoffgießerei war bis zur Abtragung 1995 noch an großen Wällen zu erkennen.

1918 bis 1920

Über eine Woche soll die ansich weithin sichtbare Fabrik von den Besatzern unbemerkt geblieben sein und weiter produziert haben.

Mit immerhin noch 1200 Beschäftigten startete man sodann mit der Zerlegung und Ausdämpfung von Granaten, die mittels Eisenbahn von anderen Depots (aus dem Raum Koblenz/Neuwied) und den französischen und flandrischen (Giftgas-) Schlachtfeldern nach Hallschlag verbracht wurden.

Behördlich genehmigt war die Lagerung von 500 000 Granaten!

Aus Sprengstoff wurde, unter Zumischung von Mineralien, versucht Dünger herzustellen. Der hatte ganz hervorragende Wachstumsförderung. Ein Zeitzeuge: "Das Getreide wuchs so hoch, daß es umfiel. Danach wollte einige Jahre auf dem Feld nichts richtig gedeihen."

Exoten, unindentifizierbare Geschosse oder Blindgänger wurden täglich abseits des Fabrikgeländes im Tal gesprengt. An Stellen wo Spreng- und Giftstoffe verbrannt wurden, wächst selbst heute, nach 80 Jahren, noch kein Grashalm.

 

Der große Knall

Es war eine unruhige Zeit im jetztigen Belgien und im Saargebiet. So trafen in Aachen am 30.Mai 1920 etwa 130 Familien ein ,die aus Eupen und Malmedy ausgewiesen wurden, nachdem bereits vor einigen Tagen 300 solcher Familien vertrieben worden waren.


(Ein Explosionstrichter, 7-8 m tief und ein Durchmesser von 30 m)

Am 29.Mai 1920 entstand, nach wochenlanger Hitze und Trockenheit, "Op Kehr" ein Brand. Drei heftige Explosionen sprengten das Werk in die Luft. Zeugenschaftlich bestätigt, flog eine 15-Zentimeter-Granate (ca. 40 kg schwer) zwei Kilometer weit bis zum Grenzübergang Losheim (Heute Gasthof Balter, Krippana). Beträchtlicher Schaden entstand auf dem Gelände und in den Ortschaften Losheim, Scheid, Hallschlag, Krewinkel und Manderfeld.

Die Landeszeitung vom 2.6.1920 berichtete von der Katastrophe:

"...auch die großen, noch aus der Zeit des Krieges stammenden Säure- und chemischen Vorräte, die einen großen finanziellen Wert repräsentierten, fielen dem Element zum Opfer. ...ebenso das Millionenwerte darstellende wohlgefüllte Magazin..."


Nach der Explosion

Nach dem großen Knall, rollte nochmals ein Munitionszug mit Giftgasgranaten in Hallschlag ein.

Ratlosigkeit herrschte angesichts des völlig zerstörten Werkes.

Der amerikanische General in Koblenz ordnete die Sprengung durch Beauftragte der Berliner Firma "Schweitzer & Oppler" an.

Deutsche Behörden in Prüm und Trier sowie die Ortsbürgermeister von Hallschlag und Scheid versandten bis in den August 1920 Telegramme, mit dem Appell, die Bevölkerung nicht durch die Sprengung zu gefährden.

"Es käme das Sprengen aus einem ausreichend großen Truppenübungsplatz, das Versenken im offenen Meer oder das Vergraben auf dem großen Werksgelände infrage" so zeitgenössische Unterlagen des Gewerbeaufsichtsamtes.

Danach verschwinden die über 20 000 Giftgasgranaten aus dem öffentlichen Bewusstsein.

Sicher ist aber, durch einen Aktenvermerk belegt, daß "obwohl das Problem der Giftgasgranaten durch Vergraben gelöst ist, komme man an der Vernichtung der übrigen Munition nicht vorbei".

Wie mittlerweile auch die Behörden erfahren haben, sollen die Giftgasgranaten im Tal unterhalb der Verrieselungsfelder vergraben worden sein. Nachgesucht wurde bis 1998 dort nicht.


(Das völlig zerstörte Säuretanklager)


Schrotthändler entsorgten widerwillig

Das Gelände war in den zwanziger Jahren mit Maschendraht eingezäunt und mit behördlich angeordneten Warnschildern versehen.

Zwei Schrotthändler (Rose aus Daun), ohne Sprengschein, war mit der Entsorgung auf dem Gelände beschäftigt. Die Rechte für die Verwertung des Schrottes hatten sie käuflich von einer Firma "Hemsoth GmbH" aus Hamburg erworben.


(Zerstörte Antriebseinheiten/Dampfmaschinenhaus)

Interessant ist in diesem Zusammenhang wiederum ein noch zugängliches Gerichtsurteil das Auskünfte höchster Brisanz ergibt.

So hatten sich die Roses 1920/21 auch an Giftgasgranaten versucht und erkrankten schwer. In der Folgezeit forderten sie für die Unschädlichmachung von Zündern und anderen gefährlichen Gegenständen Geld und waren nicht bereit in behördlichem Auftrag (Amt Stadtkyll), gefahrenträchtige Arbeiten zu verrichten, die keinen leichten Gewinn versprachen.

Wörtlich ist überliefert, daß die Reichsregierung in Berlin 1927 der (für das Gelände nunmehr verantwortlich gemachten) Gemeinde Hallschlag 3000 RM Zuschuß zu Entsorgungskosten leistete, und die Schrotthändler bei entsprechender Entlohnung versprachen, "alles ans Tageslicht zu fördern und ..."nichts mehr zu vergraben".

1927 lagerten alleine im "großen Sprengtrichter" nach Schätzungen der Schrotthändler, noch ungeborgen, ca. 10. 000 Gasgranaten, zigtausend andere Sprengkörper und Hunderttausende "scharfer" Zünder.

Nach dem Bericht Gewerbeaufsichtsamtes Trier, das unermüdlich jahrelang die unerquicklichen Zustände zu verbessern versuchte, vor dem Ver/Ankauf von verunreinigtem, giftigem Material (Rohre, Holz, Mauersteine) warnte, heißt es 1928, daß nun "für alle Zeit aufgeräumt sei und nach menschlichem Ermessen keine Gefahr mehr von dem Gelände ausgehen könne".

Kurz zuvor mußte man jedoch in der Landeszeitung lesen: "...ein seit dem Kriegsende in Hallschlag beschäftigter Arbeiter von hier erlitt einen schweren Unfall. Beim Entladen eines Geschosses explodierte dieses und riß ihm den linken Arm vollständig sowie zwei Finger der rechten Hand ab. An der linken Seite erlitt der Bedauernswerte derartige Brandwunden, daß man an seinem Aufkommen zweifelt".

Noch 1965 waren die Flächen der Hallschlager Fabrik, die teilweise im Rahmen der Landsiedlung und beim Westwallbau drainiert und egalisiert wurden, insbesondere außerhalb des eigentlichen Werksgeländes, im Flächennutzungsplan als Gewerbegebiet ausgewiesen und teilweise von einer Kölner Firma aufgekauft.(Fa. Meissner: Anlagenbau für die Chemische- und Sprengstoffindustrie)

Nachdem mit Schreiben vom 31.7.1969 die Firma Meissner der Gemeinde Hallschlag mitteilte, daß "bei der Gesamtsituation im Hallschlager Raum in bezug auf das Gelände vorerst für uns keinerlei Möglichkeit besteht, einen Gewerbebetrieb dort aufzumachen, wie schon bereits immer wieder betont, wegen der Aversion der dortigen Bevölkerung gegen unsere Branche", wurde das ruinenübersäte Gelände am 26.1.1979 als "land- und forstwirtschaftliche Fläche" ausgewiesen.

Bis in die neueste Zeit, während der Feldarbeit, auch während des Westwallbaus und der Urbarmachung der heute landwirtschaftlich genutzten Umgebung von 1934 bis 1938 durch das "Rheinische Heim", wurden durch Landwirte Granaten gefunden, auch solche die schon mal qualmten.

Nur die Behörden und die fachkundigen Kampfmittelräumer in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und dem angrenzenden Belgien bemerkten angeblich nichts. Angeblich wurden nie Auffälligkeiten festgestellt, selbst vor 1991 seien nie Granaten des Ersten Weltkrieges gefunden worden, so die (falsche) Antwort auf eine parlamentarische Anfrage.

Bis Mitte 1998 wurden über 1700 Granaten, davon über 300 Kampfstoffgranaten geborgen, davon fast 10 Prozent außerhalb des durch Einzäunung gesicherten Sanierungsbereichs auf landwirtschaftlichen Flächen.

Quellenangabe:
Autor:
Gunther Heerwagen, Hauptstraße 32, D-54587 Birgel

 

 
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